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Die Vorteile des Vorlesens

Die Macht der Worte

Was damals so unglaublich wertvoll war, hat auch in der heutigen, multimedial geprägten Alltagswelt keineswegs an Bedeutung eingebüßt. Im Gegenteil kommen dem Vorlesen auch heute noch wichtige Funktionen zu und Kinder von vorlesenden Erwachsenen nur profitieren.

Vorlesen für den sozialen Zusammenhalt

Wie positiv sich gerade regelmäßiges Vorlesen auf die Entwicklung von Kindern auswirken kann, konnte die letztjährige Vorlesestudie der Stiftung Lesen nachweisen. Gerade hinsichtlich des Sozialverhaltens sind die Ergebnisse überaus erfreulich: Die Kinder zeigen größere Bemühungen, auch andere in die Gemeinschaft einzubinden, außerdem entwickeln sie einen wesentlich ausgeprägteren Gerechtigkeitssinn, der sogar über ihr unmittelbares soziales Umfeld hinausgeht.

Regelmäßiges Vorlesen fördert nicht nur die Fantasie – sondern vor allem auch das Sozialverhalten von Kindern.

Regelmäßiges Vorlesen fördert nicht nur die Fantasie – sondern vor allem auch das Sozialverhalten von Kindern.

Regelmäßiges Vorlesen fördert nicht nur die Fantasie – sondern vor allem auch das Sozialverhalten von Kindern

Das Vorlesen fördert das Empathievermögen gegenüber anderen und befähigt die Kinder zu solidarischem Handeln – was ihnen im Umgang mit anderen Kindern Anerkennung und Wertschätzung einbringt. Diese positive Erfahrung beeinflusst selbstverständlich auch die Entwicklung der Persönlichkeit. Kindern, denen vorgelesen wird, treten deutlich aktiver und selbstbewusster auf. Regelmäßige Vorlesestunden können also unbedingt schon eine wichtige Weichenstellung für das spätere Auftreten als Erwachsene darstellen.

Eine solche Entwicklung lässt sich bis zu einem gewissen Punkt nicht nur durch das Vorlesen an sich, sondern auch durch die Auswahl des Lesestoffs fördern. Die ausgesuchten Geschichten können den Kindern als Orientierungshilfe und somit als Vorbild für das richtige Entscheiden oder Handeln dienen. Das gilt umso mehr, als das gemeinsame Lesen häufig genug der Anlass für Gespräche ist, die über das Gehörte hinausgehen: Sie spiegeln möglicherweise Erlebnisse aus dem Kita- oder Schulalltag wider, die so in der Unterhaltung aufgearbeitet werden können. Ausgehend von den Erzählungen ergeben sich so Gelegenheiten, Probleme und/oder schwierige Situationen nicht zur zu thematisieren, sondern vielleicht sogar zu klären.

Das dürfte für Eltern natürlich leichter sein, als für Babysitter. Letztendlich kommt es jedoch in der Hauptsache darauf an, den Kindern ausreichend Zeit für die Reflexion über das Gehörte und das im Alltag Erlebte einzuräumen. Das Zuhören und die Aufmerksamkeit können schließlich alle Vorleser bieten.

Von Anfang an

Vorlesen eignet sich übrigens für Kinder jeden Alters. Das wird vielfach durch Verweise auf eine möglichst frühe Förderung von Intelligenz und Kreativität bekräftigt, ist aber gerade bei Kleinkindern erstmal kein relevanter Faktor. Für die Kleinsten sind die Geschichten kaum von Belang, denn das Verständnis für Zusammenhänge fängt erst ab etwa anderthalb Jahren an. Bis dahin steht die Stimme der Vorleser im Vordergrund – was immerhin einen erheblichen Anteil am Erlernen der Sprache haben kann. Schon Babys werden so mit Klangbildern, Tonfolgen und Silben vertraut gemacht.

Der große Vorteil der Bücher in diesem Zusammenhang: Die Verbindlichkeit des geschriebenen Wortes verhindert gleich das Verfallen in die Babysprache, wie es im Alltag nur allzu leicht passieren kann. Das mag vielleicht zur Erheiterung der Kleinen beitragen, beim Einordnen der richtigen Wortmuster – oder, wenn ein gewisses Grundverständnis für die Sprache bereits vorhanden ist, beim Erkennen korrekter grammatikalischer Muster – ist es allerdings nur bedingt hilfreich.

Schlüssel zu Fantasie und Kreativität

In den Köpfen der Kinder wird das Gehörte lebendig, im Spiel kann es auf kreative Weise nachempfunden werden.

In den Köpfen der Kinder wird das Gehörte lebendig, im Spiel kann es auf kreative Weise nachempfunden werden.

In den Köpfen der Kinder wird das Gehörte lebendig, im Spiel kann es auf kreative Weise nachempfunden werden.

Über die Förderung sprachlicher und sozialer Kompetenzen hinaus hat das Vorlesen großen Einfluss auf das Vorstellungsvermögen der Kinder. Denn anders als beispielsweise das Fernsehen fordern Bücher die kindliche Fantasie regelrecht heraus – weil die Bilder zur gehörten Geschichte im Kopf entstehen und nicht konsumbereit präsentiert werden. Stattdessen werden die Figuren und Geschichten in der Vorstellung der Kinder lebendig und zwar auf ganz individuelle Weise. Das kann wiederum die schöpferischen Fähigkeiten der Kleinen anregen, ob ihm Spiel, beim Malen, beim Basteln oder durch die Musik.

Die richtige Art und Weise

Abgesehen von der Beachtung der richtigen Aussprache gibt es beim Vorlesen noch den einen oder anderen Punkt zu beachten, damit die gemeinsame Lesezeit auch wirklich eine angenehme Erfahrung wird.

Ein ruhiges Plätzchen ist eine gute Voraussetzung für ein entspanntes Vorleseerlebnis.

Ein ruhiges Plätzchen ist eine gute Voraussetzung für ein entspanntes Vorleseerlebnis.

  • Ein ganz wichtiger Faktor ist hierbei eine ruhige Atmosphäre. Ein gemütliches Sofa, selbstgebaute Höhlen, Sitzkissen oder das Bett sind bestens geeignete Orte, um eine solche Umgebung zu schaffen. Damit ist eine gute Voraussetzung geschaffen, um mögliche Ablenkungen auszuschließen und ein Abtauchen in die Geschichte zu erleichtern.
  • Apropos Geschichte: Die lebt selbstverständlich von der Art und Weise des Vortrags. Der Einsatz von Mimik und Gestik, das Spiel mit der Stimme – all das sind Mittel, mit denen die Erzählungen wesentlich lebendiger gestaltet werden können. Überhaupt ist es absolut legitim, auch mal in den Erzählmodus zu wechseln und sich vom Text zu lösen.
  • Das mag zudem insofern Sinn machen, als Kinder selbst bei Geschichten, die sie schon x-mal gehört haben (oder gerade bei ihnen bekannten Geschichten), ihre ganz eigene Vorstellung vom Fortgang oder ‚Nebenschauplätzen‘ entwickeln. Umso wichtiger ist es, auf die Kleinen einzugehen und ihnen Gelegenheiten für Zwischenfragen oder Einwürfe einzuräumen. Das erfordert natürlich ein Mindestmaß an Geduld – aber das Vorlesen ist ja auch keine Zwangsveranstaltung, sondern immer interaktiv!
  • Abgesehen davon geht ohnehin um die Kinder und nicht um die Vorleser. Vorlieben bei der Auswahl des Lesestoffs sollten daher unbedingt berücksichtigt werden. Selbst wenn das zu Programmwiederholungen führen sollte.

Das Buch der Wahl?

Jeder hat wahrscheinlich das eine oder andere Buch, das ihm noch aus der Kindheit nachhängt. Manche Kinderbücher sind und bleiben zeitlose Klassiker, die auch heute noch die Kinder begeistern können. Das gilt längst nicht für alle Bücher und die Kleinen entwickeln sehr schnell ihre ganz eigenen Präferenzen. Eltern kennen sich in dieser Hinsicht natürlich bestens aus, Babysitter sollten die Vorlieben ihrer Schützlinge gleich erfragen – sofern sie nicht von eben diesen umgehend auf Lieblingswerke hingewiesen werden.

Zu berücksichtigen sind trotzdem das Alter des Kindes, sein Wissensstand und die Dinge, für die es sich ansonsten noch begeistern kann. Je nach Voraussetzungen können daher unterschiedliche Bücher mit ganz unterschiedlichen Funktionen zum Einsatz kommen:

  • Bilderbücher mit wenig oder gar keinem Text eignen sich gut für den Einstieg in einen Dialog beim Betrachten der Bilder – das ist unter anderem gut für die Sprachentwicklung und Erzählkompetenz. Für ältere Kinder können verschiedene illustrierte Kinderbücher dann sogar schon einen ersten Bezug zur bildenden Kunst herstellen – oder zumindest für ein intensives und spannendes Seh-Erlebnis sorgen.
  • Tatsächlich können die Kinder durchaus auch mit Sachbüchern begeistert werden, sie sollten dann aber altersgerecht aufgebaut sein. Der Schwerpunkt liegt hierbei ebenfalls fast schon mehr auf dem Dialog als auf dem Vorlesen.

Das ist selbstverständlich nur ein verschwindend kleiner Auszug des möglichen Lesestoffs. Tiergeschichten, Märchen, Abenteuererzählungen oder Krimis – mit vielen Genres können Fantasie und Interesse der Kinder geweckt werden und deshalb sollte, bei aller Rücksichtnahme auf die jeweiligen Vorlieben, auch einmal für Abwechslung gesorgt werden. Geschichten um Helden können die Entwicklung der Kleinen ebenso gut fördern, wie knifflige Rätsel oder traurige Momente.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Gefühlswelt ist ein wichtiger Prozess in der Persönlichkeitsentwicklung – und ein umso leichterer, wenn ein aufmerksamer und einfühlsamer Vorleser als Ansprechpartner bereitsteht. Aber das ist ja ohnehin die Grundvoraussetzung für die gemeinsame Zeit beim Vorlesen.